Ernährungsarmut im Alter verstehen und Teilhabe stärken – Online-Fachtag zum 6. Tag der Seniorenernährung

2 Hände, die Münzgeld zählen

©VeSeN

Fachlicher Austausch, Forschungsergebnisse und Praxisbeispiele aus fünf Bundesländern

Am 7. Oktober 2026 veranstalteten die Vernetzungsstellen Seniorenernährung aus Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein anlässlich des 6. Tages der Seniorenernährung einen gemeinsamen Online-Fachtag zum Thema „Ernährungsarmut verstehen – Herausforderungen erkennen. Teilhabe stärken“.

Rund 130 Teilnehmende mit Fachkräften aus der kommunalen Arbeit, Multiplikator*innen, Sozialverbände und weitere Interessierte kamen zusammen, um sich über die Ursachen und Folgen von Ernährungsarmut im Alter sowie mögliche Lösungsansätze auszutauschen.

Céline Düzdag von der Vernetzungsstelle Seniorenernährung Niedersachsen führte die Teilnehmenden mit ihrer lebendigen Moderation durch ein abwechslungsreiches Programm, das wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen miteinander verband.

Ernährungsarmut im Alter: Betroffene Perspektiven sichtbar machen

Den fachlichen Auftakt gestaltete Tanja Kaufmann vom Max Rubner-Institut (MRI) mit Ergebnissen aus dem Forschungsprojekt „Ernährungs- und Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren in Armut“ (ELSinA).

Anhand von Interviews mit 14 armutsbetroffenen Senior*innen gab Frau Kaufmann Einblicke in deren Lebensrealitäten. Die Ergebnisse verdeutlichten die Herausforderungen des Alltags, aber auch individuelle Bewältigungsstrategien und vorhandene Ressourcen. Sie unterstrichen, wie wichtig es ist, die Perspektiven der Betroffenen bei der Entwicklung passgenauer Unterstützungsangebote einzubeziehen.

Ernährung, Muskelgesundheit und Selbstständigkeit im Alter

Ein Kurzinput von Franca Markmeyer von der Vernetzungsstelle Seniorenernährung Schleswig-Holstein widmete sich dem Thema Sarkopenie, dem altersbedingten Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und Muskelfunktion. Besonders armutsgefährdete Senior*innen sind häufiger von Mangelernährung betroffen, die das Risiko für Sarkopenie erhöhen kann. Im Mittelpunkt standen frühe Warnzeichen, die Bedeutung einer ausreichenden Proteinversorgung und Möglichkeiten, Muskelkraft und Selbstständigkeit im Alter zu erhalten.

Einsamkeit als Folge sozialer und finanzieller Benachteiligung

Wie eng finanzielle Schwierigkeiten, Ernährung und soziale Isolation miteinander verbunden sein können, zeigte Elke Schilling von Silbernetz e. V. bei der Vorstellung des Einsamkeitstelefons. Nach den im Vortrag präsentierten Zahlen fühlen sich 12,1 Prozent der über 80-Jährigen einsam. Bei hochaltrigen Menschen in stationären Einrichtungen liegt der Anteil bei 35,2 Prozent, bei Hochaltrigen in Privathaushalten bei 9,5 Prozent.

Silbernetz bietet bundesweit anonyme, vertrauliche und kostenfreie Gespräche an. Rund 270 Ehrenamtliche engagieren sich für das Angebot, das täglich etwa 250 Anrufe verzeichnet. Der Beitrag verdeutlichte die Bedeutung niedrigschwelliger Gesprächsangebote, um Einsamkeit entgegenzuwirken und soziale Kontakte zu fördern.

Fünf Bundesländer, vielfältige Ansätze gegen Ernährungsarmut

Im Anschluss stellten die Vernetzungsstellen ihre aktuellen Projekte zur Prävention von Ernährungsarmut vor:

  • Niedersachsen: Gesundheitliche Chancengleichheit: Ernährungsarmut im Alter. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Ernährungsarmut im Alter auf kommunaler Ebene wirksam bekämpft werden kann. Zwei niedersächsischen Kommunen und die dortigen Akteur*innen wurden dazu sensibilisiert und gemeinsam mit ihnen Maßnahmen entwickelt, die auf die jeweiligen örtlichen Bedingungen abgestimmt sind.
  • Brandenburg: SuppOrt – Ernährung genießen, Generationen verbinden, Regionen unterstützen. Das Projekt setzt auf Angebote vor Ort und den Aufbau von Netzwerken qualifizierter Multiplikator*innen, um Ernährungsarmut vorzubeugen und Begegnungen zwischen den Generationen zu fördern.
  • Hamburg: Kochgruppen und Mittagstische. Durch den Aufbau gemeinschaftlicher Kochgruppen und Mittagstische sollen soziale Teilhabe ermöglicht und die Ernährungskompetenz älterer Menschen gestärkt werden.
  • Sachsen-Anhalt: GeSeKo-Map – Gesunde Seniorenernährung in der Kommune. Die Ideenplattform richtet sich an Entscheidungsträgerinnen und Multiplikatorinnen auf kommunaler Ebene und bietet Anregungen für die Gestaltung einer gesundheitsförderlichen Ernährung im Alter.
  • Schleswig-Holstein: GUENSTIK – Gesunde Ernährung für Senior:innen: Teilhabe und Integration in der Kommune. Das Projekt verfolgt das Ziel, die Ernährungsumgebung armutsgefährdeter und armutsbetroffener Senior*innen durch kommunale Angebote in zwei Modellkommunen zu stärken und zu verbessern.

Die Projektvorstellungen zeigten, wie unterschiedlich die Ansätze sind und welche Rolle kommunale Netzwerke und niedrigschwellige Angebote bei der Verbesserung der Ernährungssituation älterer Menschen spielen.

Konkrete Angebote schaffen Begegnung und Teilhabe

Wie Unterstützung im Alltag gelingen kann, veranschaulichten zwei Praxisbeispiele:

Tanja Kaufmann stellte das „Soziale Rezept gegen Einsamkeit“ aus dem ELSiNa-Aktionsplan vor. Hausarztpraxen können als vertraute Anlaufstellen Menschen erreichen, die von Einsamkeit und finanziellen Schwierigkeiten betroffen sind. Bei entsprechendem Verdacht kann ein soziales Rezept den Zugang zu einem kostenlosen Mittagessen mit Beratungsgespräch ermöglichen. Darüber hinaus werden Betroffene an wohnortnahe Angebote sozialer Organisationen vermittelt, um ihre Teilhabe am sozialen Leben im Stadtviertel zu stärken.

Uwe Loose präsentierte den offenen Mittagstisch der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Eidelstedt. Das Beispiel zeigte, wie gemeinsames Kochen und Essen soziale Kontakte fördert. Die Gruppe organisiert sich selbst und gestaltet das Angebot gemeinschaftlich. So entsteht neben der Verpflegung ein Raum für Begegnung, Eigeninitiative und gegenseitige Unterstützung.

Gemeinsam gegen Ernährungsarmut im Alter

Der Fachtag verdeutlichte, dass Ernährungsarmut mehr umfasst als den eingeschränkten Zugang zu Lebensmitteln. Sie beeinflusst auch die Gesundheit, soziale Beziehungen und die Möglichkeit, den Alltag selbstbestimmt zu gestalten.

Der rege Austausch zwischen Referierenden und Teilnehmenden machte deutlich, wie wichtig weitere Forschung ist, um die Lebenslagen armutsbetroffener Senior*innen besser zu verstehen und wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Zugleich wurde die zentrale Rolle der Menschen sichtbar, die Unterstützungsangebote vor Ort gestalten und umsetzen.

Ernährungsarmut im Alter zu begegnen, ist eine gemeinsame Aufgabe.
Dafür braucht es wissenschaftliche Erkenntnisse, verlässliche Netzwerke, kommunales Engagement und niedrigschwellige Angebote, die sich an den Bedürfnissen älterer Menschen orientieren. Der Fachtag lieferte dafür wertvolle Impulse und zeigte, wie Zusammenarbeit und gemeinsames Engagement Teilhabe stärken können.

Bilder: ©iStock.com/Karl-Hendrik-Tittel